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Editorial Dezember/Januar 2016/17

Kein Jahresrückblick

Liebe Leserin, lieber Leser,

Auch dieses Jahr fehlen uns die Worte, um das an armseligen, betrüblichen, desaströsen Nachrichten mal wieder ganz vorne mitspielende Jahr angemessen in solche zu kleiden. Weiterhin brennen allerorten die Flüchtlingsheime, ertrinken Menschen im Mittelmeer, werden Menschen in Syrien und an tausend anderen Orten ermordet, weiterhin steuert dieser Planet auf einen ökonomischen Niedergang zu, vom ökologischen ganz zu schweigen, und weiterhin spottet das, was sich „Politik“ nennt, jeder Beschreibung. Anderswo wie hier.
Eine so womöglich bislang nicht gekannte neue Qualität möchten wir an dieser Stelle kurz als Beginn einer neuen, postfaktischen Ära bezeichnen. Faktenwissen im Sinne von Weltwissen, von Wahrheit spielt keine Rolle mehr. Behaupte die Lüge als Wahrheit und sie wird zu ihrer eigenen. Damit werden bald 89% der Bundesbürger, wie man neulich erst in einem Fernsehspiel aus der Feder des Enkels des Reichsjugendführers von Schirach eindrucksvoll sehen konnte, zum Mob, dem Rechtstaatlichkeit und Menschenwürde am Arsch vorbei gehen, wenn er es bloß entsprechend suggeriert bekommt. Damit wird der Brexit, den kein Mensch im Vorfeld ernstlich denken wollte, zu einer Tatsache. Damit fährt die sogenannte Alternative für Deutschland in alle Landtage und demnächst in den Bundestag. Damit, so steht zu befürchten, wird Marine Le Pen womöglich die nächste Präsidentin von Frankreich. Damit ist, just als wir diese Zeilen schreiben, Donald Trump Präsident der USA geworden, ein Populist, der kein chauvinistisches, rassistisches, autoritäres Stereotyp auslässt, wenn es in sein Spiel passt, einer, in dessen Zwielicht sogar Hillary Clinton wie ein wählbares kleineres Übel erschien. Nun, politische Analysen lest ihr dieser Tage an anderer Stelle.
Larmoyanz und Sonntagsreden jedenfalls, dieser kleine Text hier eingeschlossen, taugen nicht mehr, haben noch nie getaugt (die Ironie ist uns schmerzlich bewusst).

All das Gerede über Werte, Partizipation, das ganze Arsenal an wohlfeilem Jargon hat ausgedient. Auch das ist nicht neu, aber unterm Strich eine Lehre, die es dringlicher denn je zu ziehen gälte. Und in deren Anschluss es darum gehen müsste, zumindest all das zurückzunehmen, was uns bald 40 Jahre Herrschaft des Neoliberalismus (um eine willkürliche Zäsur zu setzen), zunächst im Westen, seit dem Zusammenbruch des Ostblocks weltweit, beschert haben. Eine sich aufspaltende, sich zusehends prekarisierende und in der Folge radikalisierende Gesellschaft unterm Joch des Gewinninteresses und der Angst; der Angst vor Veränderung und dem Fremden, der Angst vor Deklassierung, vor psychischer oder gar physischer Vernichtung. Je nachdem, wo man geboren ist.
Es bleibt dabei: die soziale Frage lässt sich weder national, noch irrational (sprich: religiös) beantworten. Kritik ist wichtiger denn je. Und Widerstand. In seinem eigentlichen Sinne. Auf der Straße. In der Organisation von Protest. Im Nicht-Einverstandensein. Und im Beharren darauf, dass es weiterhin möglich ist, möglich sein muss, eine Gesellschaft freier und gleicher Individuen zu gründen, die auf Basis freier Zusammenkunft vernünftig darüber entscheidet, was sie will und was nicht. Weltweit. Die ihr Schicksal nicht dem sogenannten freien Spiel des Marktes überlässt. Die solidarisch ist. Die das Allgemeinwohl nicht mit Partikularinteressen verwechselt. Alles andere führt in Barbarei und Untergang. Auch das ist beileibe keine neue Erkenntnis. Aber eine, die es wert ist, wiederholt zu werden. Solange es notwendig ist. Anders gesagt. Es sind die Werte der bürgerlichen Gesellschaft – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – die im doppelten Sinne nicht nur behauptet, sondern zuallererst überhaupt einmal erkämpft werden müssten. Ihre Verwirklichung als lang bereits durchgesetzt zu behaupten, ist eine größten der Gründungsmythen des bürgerlichen Zeitalters überhaupt.

Zurück aus der Welt nach Wiesbaden: Bei allem Jubel & Trubel rund um den neuen Kneipenkreisel am Sedanplatz, drückt uns natürlich die Schließung von Gestüt Rentz und dem Chopan auf's Gemüt. Gewiss, Leben heißt Abschiednehmen, wie es eine Freundin aus Bückeburg gerne sagt, aber Kneipen können keine Clubkultur ersetzen, wie sie von den beiden Läden repräsentiert wurde. Umso schwerer wiegt, dass nun auch das Walhalla in seiner bisherigen Form wankt. Wir und viele andere schätzen seit Jahren als Veranstalter*innen wie Besucher*innen den Charme, die Geschichte und die aktuellen Betreiber*innen dieses Ortes. Eine Sanierung durch die Besitzerin, die Stadt Wiesbaden, ist geplant. Aber den aktuellen Betreiber*innen soll nach 15 Jahren Aufbauarbeit gekündigt werden. Warum? Was wird aus ihnen und ihrem Angebot? Was soll im Walhalla passieren? Gibt es doch noch Chancen, das bisherige Kulturverständnis in einem sanierten Haus in neuem Glanz zu präsentieren? Noch ist nichts entschieden – umso wichtiger ist es, Interesse an den Vorgängen rund um das Walhalla zu haben. Sonst stehen wir eines Morgens auf und lesen in der Zeitung, dass es auch diesen Ort nicht mehr gibt. Checkt am besten die Facebook Seite des „Walhalla Wiesbaden

Und noch ein nod Richtung Hamburg. Unsere alten Freund*innen vom Golden Pudel Club sind ausgebrannt. Ihr habt es vermutlich mitbekommen. Nach einigen Scharmützeln zwischen den beiden Inhabern, konnten glücklicherweise Grundstück und Haus für immer in eine Gemeinnützigkeit überführt werden. Doch das alles muss und will mitfinanziert werden. Kleine Beträge, große Beträge — alles hilft! Spenden unter www.pudel.com

Zu guter Letzt möchten wir auch dies Jahr auf eine altbekannte Jahresabschlusstradition hinweisen. Denn auch dieses geht nicht zu Ende, ohne dass ein wahres Feuerwerk an Leserpolls (übersetze: Umfragen) in euren Lieblingsmusikmagazinen und deren Online-Dependancen rausgeschossen würden, in Intro, Spex, Rolling Stone, Sonic Seducer, Musikexpress, Visions und wie sie nicht alle heißen. Wir würden uns freuen, wenn ihr wieder mitmachtet und den Schlachthof in eurem Interesse (Gewinne, noch bessere Konzerte im kommenden Jahr) aber auch in unserem Interesse (Fame, noch bessere Konzerte im kommenden Jahr) in die Rubrik des "BESTEN CLUBS" des Landes wähltet. Gewinnen könnt ihr wie immer doppelt: Die Magazine selbst schütten ein gerüttelt‘ Füllhorn an Preisen aus und wenn ihr uns an poll(at)schlachthof-wiesbaden.de eure Listen/Screenshots schickt, legen wir noch mal 30 x 2 (In Worten: dreißig mal zwei!) Gästelistenplätzen oben drauf. Gültig für ein Konzert eurer Wahl im Jahr 2017. Ausgenommen ausverkaufte Shows, logisch. Deal? Deal!

Nun, ihr wisst, was zu tun ist – und wir sagen danke im Vorabbereich! Und wünschen trotz allem geruhsame Feiertage. Und ein happy new year! Und viel Vergnügen in und um unsere maroden Mauern herum.

Eure Sonntagsredner alias
Das Schlachthof-Team

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