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Editorial Februar 2017

Nachgereicht: Der popfaktische Jahresrückblick

Die einen loben, die anderen wundern sich: »Schön und gut und wichtig, dass ihr hier an diesem Ort eure Stimme immer auch wieder politisch erhebt, aber wo bleibt der Pop, wo die Leichtigkeit? Seid ihr nicht dieser Konzert- und Tanzveranstaltungsbetreiber?« We hear you. Öffnen wir diese kleine Seite für einen zugegeben etwas verspäteten Jahresrückblick über das Jahr des Pop 2016. Dazu konnten wir für einen Gastbeitrag unseren Homie Maurice Summen vom Berliner Label staatsakt. gewinnen. Der Beitrag erschien zuvor in leicht veränderter Version bereits in der sehr empfehlenswerten Wochenzeitung Jungle World. Wort ab:

Global regieren auch 2016 wieder HipHop und R & B die Charts und Playlists. Die Knowles-Schwestern Beyoncé und Solange geben sich an Thanksgiving erfolgsverwöhnt highfive und singen sich auf ihren jüngsten Alben durch immer mehr immer synkopiertere Beats: Abstract shit for the masses! Unerreichbare Diven aus Digitalien! Rihanna mischt auch weiter oben mit und Kanye West bekommt vor lauter Updates seines Albums »The Life of Pablo« und medialer Selbstdarstellungsmanie auf Tournee einen Nervenzusammenbruch.

Die bekifften, daddelnden Teenager-Jungs halten sich weiterhin bevorzugt im mollig beheizten und DSL-vernetzten Hotel Mama beziehungsweise im Cloud-Rap-Wölkchen auf. So nice! Ja, was ist das für 1 life. Der immer wieder für tot erklärte Autotune-Sound nimmt in diesem Jahr wieder richtig Fahrt auf. Money Boy, der Sprecher der Blauer-Brief-Abonnenten und gefürchteter Anführer der sogenannten Narrow Gang, autotunet fleißig mit und nennt sich fortan YSL-Known-Plug. Oder so ähnlich. Das erste YSL-Album trägt den Titel »Alles ist Designer«.

Auch die avancierten Indiepop-Alben sind dieses Jahr ordentlich durchdesignt. Erst einmal auserzählt scheinen die intimen, authentischen Bettkantengeschichten der Folkies mit ihren Wandergitarren, die von unerfüllter Liebe, Weltschmerz und Fernweh nach Airbnb-Aufenthalten singen. Bei Bon Iver, James Blake und Radiohead dient ein aufgenommenes Signal, egal ob von einer Gitarre, einem Klavier, der Stimme oder Geschirr stammend, hauptsächlich dazu, es am Rechner so zu verbiegen, dass es am Ende nach deiner Lieblingssoftware aus Silicon Valley klingt. Oder aus Berlin: Ableton Live. Präsentiert von Musikern wie Moderat! Oder Nicolas Jarr.

Die Hostel-Horden, die mit »1 Helles« in der Hand durch Berlin laufen, lassen weiterhin gerne gefühlsduselig quantisierten Deep House aus der Boombox in ihrem Rucksack schallen.

Allem Digitalen zum Trotz hört man zum Jahresende in vielen Ü40-Bars – die mit den 150 Sorten Gin und 47 verschiedenen Tonic-Water Marken – das neue Album von Lambchop rauf und runter. Der Fliesenleger aus Nashville und sein 18köpfiges Kollektiv zwischen Memphis-Soul und fragilem Country-Folk bleiben treuer Begleiter vieler beherzter Zweifler und Zweiflerinnen.

Kunden, die die neue Lambchop gekauft haben, kauften auch das neue Album von Angel Olsen.

Netflix ist schuld daran, dass durch viele Sonos-Systeme der Soundtrack zur Serie »Stranger Things« läuft. Im Orbit mäandernde, dystopische Synthiepopflächen zwischen Gary Numan, OMD und Klaus Schulze. Die Serie als Popereignis für Daheimgebliebene ist ohnehin erstaunlich. In »Stranger Things« bekommt man gleich nochmal die eigene Videokindheit und -jugend zwischen E.T. und Alien vorgeführt. Fortsetzung folgt.

Im studentischen Milieu werden wieder viel Hardcore und Postpunk gehört. Das Joy-Division-Motiv von »Unknown Pleasures« hängt längst bei H & M als T-Shirt an der Stange. Der Musiker Drangsal versucht auf seinem Album »Harieschaim« der Sehnsucht nach nicht am eigenen Körper erlebten Zeiten der Thatcher-, Kohl- oder Reagan-Youth auf die Schliche zu kommen. Was bei der Band Polarkreis 18 noch »Allein Allein« war, wird bei Drangsal zum Songtitel »Allan Align«.

Antony wird inzwischen Anohni genannt und damit zur Disco-Queen of Consciousness.

Drangsal wird gleich mehrfach geehrt beim neu ausgerufenen Preis für Popkultur, den diverse Vertreter der Musikbranche mit ihrem Verein zur Förderung der Popkultur ins Leben gerufen haben. Nach der erneuten Nominierung der Tiroler Rechtsrockformation Freiwild beim Branchenpreis Echo sah man sich gezwungen, dem Bundesverband für Musikindustrie den Stinkefinger zu zeigen und künftig einen eigenen Preis zu verleihen. Immerhin: ein eindeutiges Zeichen.

Apropos Bundesverband der Musikindustrie: 8,2 Millionen Euro mehr als zuvor wird der Bund 2017 für die Popförderung ausgeben. Damit weiterhin ordentlich produziert, geprobt und aufgetreten werden kann in einem Nischenmarkt, der ohne künstlichen Dünger wohl kaum mehr ertragreich zu bewirtschaften wäre.

Lady Gaga als staatlich gefördertes Popprojekt – davon wird jeder Kurator am Hebel öffentlicher Kassen in Deutschland sicher träumen. Die ehemalige Queer-Ikone und Pop-Queen mit ihren kleinen Monstern, die sie besingt, biedert sich auf ihrem jüngsten Album genau bei denen an, die ihre Monster überhaupt erst zu gesellschaftlichen Außenseitern machen. Trotz ihres Engagements für Hillary Clintons Wahlkampagne beschleicht einen beim Hören von »Joanne« das Gefühl, sie wolle rechtzeitig alle Trump-Sympathisanten für ihren neuen musikalischen Entwurf gewinnen: Mainstream halt.

Als Hoffnungsträger gehandelt und schon zum Debütalbum »Alles Nix Konkretes« wieder fallengelassen wie eine heiße Kartoffel: Annen-May-Kantereit. Die eigene vorgelebte Spießbürgerlichkeit im Spiegel der kommenden, aufstrebenden Generation: wie frustrierend! Dem bundesdeutschen Mainstream zwischen 14 und Ü40 konnte das egal sein. Die sympathischen Element-of-Scherben-Erben aus Kölle mit ausgesprochener Sehnsucht nach einer Eigentumswohnung sind von den kleinen Festivalbühnen zwischen Flensburg und Freiburg kaum mehr wegzudenken.

Frank Ocean wird zur neuen queeren Superikone hochgejazzt. Der bisexuelle, afroamerikanische Erneurer des R & B veröffentlicht in diesem Jahr gleich zwei Alben und posiert nicht nur in Sportautos, dem Statussymbol der Formel-Eins-geilen Heteroklasse, sondern nennt sein eigenes Label obendrein noch »Boys Don’t Cry«.

Pünktlich zum Wahlsieg Donald Trumps kehren auch die Native-Tongue-Rapper von A Tribe Called Quest mit viel Consciousness und Flow zurück. Rapper Phife Dawg erlebt die Veröffentlichung leider nicht mehr, er verstarb bereits im März. Sehr guter Flow auch bei Anderson Paak. Viel P-Funk-Madness bei Childish Cambino.

Die Beginner aus der derbsten Stadt der Welt, Hamburg, kommen 2016 auch zurück, wollen aber mit ihrem Album »Advanced Chemistry« nicht ins Wohnzimmer der Bio-Biedermeier-Eltern, sondern ins Jugendzimmer ihrer nach street credibility lechzenden Kinder. Ahnma, Digga!

Prince, David Bowie und Leonard Cohen verlassen die irdische Bühne. Bei Bowie und Cohen erscheint fast gleichzeitig zur Todesmeldung ein neues Album als letztes Vermächtnis. Man hat beim Hören von »Black Star« und »You Want it Darker« fast das Gefühl, am Sterbebett seiner alten Helden zu sitzen. Eine neue Qualität, was die im Pop inszenierte Nähe zu seinen Stars angeht. Kondolenz als fester, integrativer Bestandteil der Popkultur.

Die Rolling Stones veröffentlichen als rüstige Rentner not Rentner das beste Album seit Dekaden. Sagen zumindest die Leute, die sich damit auskennen. Leute also, für die ein feines Gläschen Single Malt auch schon lange fester Bestandteil gelebter Popkultur sein dürfte.

Auch Iggy Pop ist wieder da, sein Album trägt den Titel »Post Pop Depression«. Produziert von Josh Homme, dem David Grohl der Intro-Leserschaft. Intro feierte dieses Jahr den 25. Geburtstag als Umsonstmagazin auf den Toiletten des Pop.

Während 2015 durch Flying Lotus, Kamasi Washington und Kendrick Lamar extrem viel Jazz aus den Nischen in den Mainstream floss, hatten die Hipster 2016 extrem wenige Sechzehnteltriolen auf dem GPS-Radar: Badbadnogood. Traurige Jazzgesichter.

Die immer wieder herbeigesehnten neunziger Jahre, jene ruhmreiche Dekade des Slackertums, lassen als großes Revival – abgesehen vom Eurotrash, was ja das hysterische Gegenteil des Slackertums war – auch in diesem Jahr auf sich warten. Wobei Bands wie Gurr aus Berlin zeigen, dass Sleater-Kinney nur noch einen Wimpernschlag entfernt sind.

Apropos Sleater-Kinney: Die Autobiographie von Carrie Brownstein mit dem Titel »Modern Girl« erscheint auf Deutsch im Benvento-Verlag. Der Verlag gehört Red Bull.

Von der Red-Bull-Academy über die Red-Bull-Studios bis zum Rasenballsportverein Leipzig. Red Bull ist die Coca-Cola unserer Zeit. Und damit auf Platz eins in den Zucker-Charts.

Bausparerpop« nennt Pop-Kritiker Jens Balzer die harmlose, kantenlose, angstbesessene – schlussendlich auch an Ideen arme – deutsche Radiopopmusik zwischen Clueso und Andreas Bourani, in der Major-A & Rs ihren feuchten Traum vom großen Erfolg in Allianz mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Metro-Gruppe, Spotify, Amazon, Google und Apple verwirklichen dürfen. Balzer veröffentlicht mit »Pop« als Nichtbausparer, aber bekennender Helene-Fischer-Fan seine erste Pop-Textsammlung in Buchform.

Schon wieder Gevatter Tod: Nick Cave verarbeitet auf seinem neuen Bad-Seeds-Album »Skeleton Tree« den Tod seines Sohnes und dokumentiert den Entstehungsprozess filmisch. Läuft bei den Leuten rauf und runter, die auch von Bowies »Black Star« nicht ablassen können. Willkommen auf dem Todesstern. Nur echt mit Krebsgeschwürbildern auf dem Tabakbeutel!

PJ Harvey fährt für ihr Album »The Hope Six Demolition Project« durch die Krisengebiete in Ost und West und lässt ihre Hörer mit ihrem Saxophon-Depro-Rock an »Broken English« von Marianne Faithfull denken.

Aus England stammt auch die Wortakrobatin Kate Tempest, die ihren Brexit-Landsleuten aber auch nicht mehr zu raten weiß, als Scheiße zu fressen: »Let them eat chaos« lautet der Titel ihres Albums. Ob die Poetin es hierzulande langfristig in die Haushalte schaffen wird, bleibt zu bezweifeln. Zu gut und komplex ist ihr Storytelling.

In den Wohnungen läuft mittlerweile wieder mehr Vinyl, als Musik bei iTunes und Co. heruntergeladen wird. Aber das Streaming nimmt weiterhin zu und erzielt endgültig höhere Umsätze als der Verkauf von Schallplatten oder Downloads. Was nicht für jenes, sondern gegen dieses spricht. In Deutschland tatsächlich immer noch marktführendes Format: die Compact Disc.

Hierzulande war 2016 das Jahr des Urheberrechts. Moses Pelham gewann vor dem Verfassungsgericht einen ewigen Rechtsstreit gegen die Menschmaschinen von Kraftwerk und erwirkte so ein »Grundrecht auf Sampling«. Kommt zwei Dekaden zu spät, denkt man sich, kaum ein HipHop-Künstler sampelt heutzutage noch altes Material. Aber für die nächste Revival-Welle sind die Künstler in Deutschland nun rechtlich gerüstet. Fühlt sich dann vermutlich so an, wie legal auf Wände zu sprühen.

Zwischen Gema und Youtube wird endlich eine Einigung erzielt. Keine gesperrten Inhalte auf Youtube mehr.

Skandalurteil des Berliner Kammergerichts: Seit erfolgreicher Klage der neuen deutschen Todeskunstmusiker von Das Ich, mit Namen Bruno Gert Kramm und Stefan Ackermann, ist es bis auf weiteres nicht mehr rechtens, dass Musikverlage für ihre administrativen Dienste 40 Prozent aus den Gema-Töpfen beziehen. Die Gema und ihre Verlage lassen das Urteil derzeit auf Herz und Nieren prüfen, die Gelder werden eingefroren. Das wird ein kalter Winter, liebe Verleger!

Und das, wo Bob Dylan eben erst den Pop-, nein Entschuldigung, den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat. Das Versteckspiel um die Annahme des Preises amüsierte altlinke Dylanologen wie Fernsehgucker am Wochenende nur noch die »Heute-Show«.

Wo die »Heute-Show« aufhört, fängt Jan Böhmermann an. Mit seinem Erdogan-Gedicht gelingt ihm ein Satire-Coup. Die Youtube-Schnipsel aus seiner Show auf ZDF Neo und Popsongs wie »Verdammte Scheide« unterhalten ein durch Bausparerpop nicht gerade humorverwöhntes Publikum. Mal anders gesagt: Die Beatles wären in Deutschland vermutlich auch nur als Comedy-Act an den Start gekommen.

Wenn 2016 wirklich ein postfaktisches Jahr war (woher soll man das überhaupt noch wissen?), dann ist auch die von Kritikern beschworene neue Macht der Frau im Pop leider eine Lüge. Auch wenn Helene Fischers neue Weihnachtsplatte sicher durch die Decke geht: Die Musikindustrie bleibt ein Haufen zynischer Salonchauvinsten. Mit schmutzigem Umkleide-Talk!

2016 endet, wie auch schon 2015, mit Star-Wars-Kinokarten unter dem Weihnachtsbaum. Und wieder gibt es einen besonderen Raumknick im Zeitverlauf der Space-Märchen-Erzählung aus dem Hause Disney. Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …

Wir sehen uns! Beehrt uns Recht häufig und alles, alles Gute auch in diesem Jahr!

Euer: Schlachthof Team

 

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