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Editorial März 2016

Glenn Frey, Roger Willemsen, Wolfgang Rademann, Colin Vearncombie, Ettore Scola, Pierre Boulez, Lemmy Kilmister, David Bowie. Die Liste der dies Jahr bereits verstorbener Persönlichkeiten ist lang und wird länger. Man muss nicht so verstiegen sein zu behaupten, dass diesen Winter das 20. Jahrhundert endgültig verstorben wäre, wie man manchen Ortes hören konnte. Man muss auch nicht einem sich wonnig gruselnden Sensationismus erliegen, den derlei Meldungen insbesondere in der Metawelt der sozialen Netzwerke atmen, etwa so, wie es ein befreundeter Ex-Chefredakteur eines Magazins für Popkultur in Anlehnung an Karl Lagerfeld (und natürlich nicht ganz ernst gemeint) auf Facebook formulierte, nämlich dass der, der am Tage der Meldung von David Bowies Tod ein anderes Thema poste, die Kontrolle über sein Leben verloren habe.

Dies war der eine Strang öffentlichen „Diskurses“ bislang in diesem schon wieder gründlich beschissenen Jahr, der sich kulturell verstehende, und dabei naturgemäß die ätzende soziale Wirklichkeit an den Rand drängende; der andere ist das seit „Köln“, seit der sexuellen Gewalt, die sich in der Kölner Silvesternacht entlud, eingerissene, sich nochmals als Schwundstufe jeder Vernunft entpuppende Geraune, das weitestgehend dummdreist und kaum ernstlich widersprochen durch einen Gutteil der Medien, Politik und „öffentliche Meinung“ suppt. Vom Sommermärchen der Willkommenskultur zum Winteralptraum nicht nur im Berliner Lageso ist es nur einen Steinwurf weit – oder schlimmer noch und ganz buchstäblich: nur einen Brandsatz- oder Handgranatenwurf. Und das natürlich nicht erst seit „Köln“. Seitdem allerdings darf sich jeder im Dreck suhlen. Was war geschehen?

Eine Debatte, die sich genuin um sexuelle Gewalt hätte drehen müssen, bekam schnell einen ganz anderen Dreh. Reflexhaft, affekthaft wurden die Vorfälle mit der Asyldebatte, der Flüchtlingskrise, Migrationspolitik insgesamt verknüpft. Ein Minenfeld, ein Steinbruch des Ressentiments. Seitdem, so scheint es, lässt es sich kaum mehr über sexuelle Gewalt sprechen, ohne Flüchtlingspolitik mitdenken zu müssen. Wie die Vorfälle durch und durch rassistisch instrumentalisiert werden, die bedrängten Frauen so ein zweites Mal zum Objekt gemacht werden, lässt sich kinderleicht daran ablesen, wer plötzlich alles als Frauenrechtler auftritt. Leute, die noch im Anschluss an Rainer Brüderles Übergriffigkeit gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich meinten, die Frauen mögen sich mal bitte nicht so anstellen. Und noch ganz andere Leute. Und nicht nur die Erwartbaren. Jetzt ist alles möglich. Rassismus oder Sexismus pur oder ineinander verschränkt, liberale Deutschtümelei, linker Heimatschutz, feministischer Rassismus, konservativer Feminismus. Gerne in so bislang nicht für möglich gehaltenen Kombinationen. Nebenbei zerfällt Europa zusehends, nicht nur wirtschaftlich und politisch, selbst das Feigenblättchen der Moral ist arg durchsichtig geworden. Und wird es weiterhin. Wer entrüstet sich gleich nochmal aus welchem Grund über den „Schießbefehl an der Grenze“ (courtesy of Petry, von Storch, AfD) während er gleichzeitig den Tod von Tausenden im Mittelmeer nicht nur billigend in Kauf nimmt, sondern sogar produziert (courtesy of Frontex, Bundesregierung, gesundes Volksempfinden)?

Wie jetzt zurück zur Kultur, um an dieser Stelle noch einen versöhnlichen Gedanken zu haben? Gar nicht. Danken möchten wir unseren Besucherinnen und Besuchern dennoch sehr für ihr Vertrauen – und für die Wahl zum besten Clubs Deutschlands im intro-Magazin, das just als wir diese Zeilen schrieben, erschienen ist.

In diesem Sinne.

Alles Gute,

Das Schlachthof-Team

 
p.s.
Doch noch mal eben zurück zur Kultur, Alltagskultur nämlich, soziale Praxis hierzulande. Anbei eine unvollständige Liste groben Alltagssexismus aus der Werbung in no particular order. So sieht sie aus, die deutsche Normalität.

„Neu: Der Astra-Tatsch-Screen“. Auf dem Plakat zu sehen: ein Frauengesäß in Hotpants.
Courtesy of Astra Brauerei

„Wir gehen tiefer!“. Auf dem Plakat: zwei Hände die sich am Schambein in einen Frauenslip schieben.
Courtesy of Junge Union

„Der einzige Grund, schwarz zu wählen.“ Auf dem Plakat: Weiße Frauenhände, die ein nacktes schwarzes Frauengesäß umfassen. Schön gequeert immerhin (sic!).
Courtesy of Die Grünen

„Mehr drin, als man glaubt.“ Auf dem Plakat: eine junge Frau in lasziver Pose mit drei Brüsten im Bikini.
Courtesy of Media Markt

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