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Editorial November 2012

1994: Kohl war noch immer Kanzler, VoKuHiLa- Frisuren immer noch ironiefrei en vogue und Polizisten hatten wie immer Schnurrbärte. Die Kelly Family regierte die Charts. Egal ob Doc Scott, Rage Against The Machine oder Tocotronic; Dischord, SST oder Warp, Marx, Stirner oder Walzer: Wer so was gut fand, war ein Freak. Und in Wiesbaden herrschte: weitgehende Ruhe. Dann kamen wir, ein paar dieser Freaks, und gründeten einfach so ein Kulturzentrum. Die Stadt Wiesbaden stellte uns den alten Schlachthof zur Verfügung. Hinterm Bahnhof, marode, umgeben von Ruinen, Ratten und Fleischabfällen. In der Stadt munkelte man: In zwei Jahren hört man von denen eh nix mehr. Es kam aber anders. Nachdem wir die Räucherkammer vom Boden bis zur Theke selber umgebaut hatten, schnappten wir uns ein paar Jahre später die Halle. Rissen die Enthaarungsmaschinen raus, betonierten die Blutrinnen zu, bauten selber Backstage-Räume, Toiletten, Büros und steckten auch ansonsten Abertausende von Mark und Euro und Arbeitsstunden in das Gebäude. Es blieb aber immer: Ein marodes Provisorium. Dennoch - oder deshalb? - wurde der Schlachthof zu einem Ort, der die Erfüllung von Sehnsüchten versprach und manchmal auch erfüllte; inmitten einer an vielen Stellen immer noch unfreien Gesellschaft.

Die Gesellschaft mag seitdem nicht eben freier geworden sein, doch temporäre autonome Zonen, kleine Risse und ein Nachdenken darüber, wie wir leben wollen, hat auch der Schlachthof seitdem mitbefördert. Und welchen Stellenwert sich das Projekt Schlachthof erarbeitet hat und welches Standing mittlerweile "Leute wie wir" in der Stadt haben, sehen wir am Neubau. Statt nur die einsturzgefährdete alte Halle abzureißen, hat sich die Politik entschlossen, einen Neubau plus Sanierung des alten Wasserturms zu finanzieren. Der Schlachthof und wir alle, Gäste und Akteure, werden hier wertgeschätzt. Unser Projekt stand vor dem Ende und wir haben einen 2-jährigen Marsch durch die Hölle hinter uns – jetzt können wir Proberäume und Künstlerwerkstätten erhalten. Und in der neuen, zukunftsfähigen Halle erst Recht unserer Leidenschaft folgen, eine große und bunte Vielfalt an Veranstaltungen für ebenso bunte und vielfältige Menschen auf die Beine zu stellen. Kurz: Wir haben allerderbsten Bock, in den nächsten Jahren gemeinsam mit Euch richtig was zu reißen.

Bis dahin sagen wir: Danke für die Treue, das Vertrauen, die Musik, das Weinen und das Lachen – Euch allen da draußen, den Entscheidern, den Supportern, den Kritikern, Gästen, Künstlern und oft auch allen zusammen in Personalunion!

In diesem Sinne! Auf die Zukunft!
Team Schlachthof

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