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Editorial November 2015

Liebes Publikum,

vor einer Weile, auf ausgedehntem Spaziergang zwischen den Orten, fanden wir auf dem weitläufigen Campus der Mainzer Universität, genauer gesagt, irgendwo zwischen SB II und der Abzweigung, die wir immer für den Eingang zum botanischen Garten gehalten haben, einen Phallus auf der regennassen Straße liegen. Nicht, dass dies nicht für sich selbst schon ein erstaunlicher Fund gewesen wäre, nein, dieser hier hatte sich als Blüte getarnt! Sein Schaft war gelb und seine Spitze von einem irisierenden Blauton mit Stich ins Violette (möglicherweise aber auch genau anders herum). In jedem Fall Farben, die sich aufs eklatanteste von dem rosaroten, fleischfarbenen, je nach Herkunft natürlich auch dunkel getönten, teilweise ins krampfaderfarbene spielende Timbre seiner Normalo-Geschlechtsgenossen abhoben.

Mutmaßlich ein Versuch, sich durch augenscheinliche Andersartigkeit einen Vorteil im alten Spiel um die Gunst des anderen Geschlechts zu erschleichen, um auf diese Weise das Überleben seiner Art zu sichern. Ob sich ausgerechnet dies Modell als Erfolgsmodell wird durchsetzen können, scheint uns fraglich. Aus vielen Gründen. Zu marktschreierisch erschien er uns zumal, zu aufmerksamkeitsheischend. Wiewohl menschliche Evolution nach gut 10.000 Jahren nennenswerter Emanzipation von der ersten Natur ohnehin unbedingt als kulturelle Evolution verstanden werden muss, als soziale Handlung. Möglich also, dass wir bloß die neuste Mode nicht mitgekriegt haben.

Um die Emanzipation von der zweiten Natur indes steht es weiterhin schlecht, wir sprachen schon häufiger davon, das Radfahrerprinzip (Nach unten treten, nach oben buckeln) hat sich allgemein durchgesetzt. Da hatte man sich doch irgendwann ein aufregenderes Leben versprochen irgendwo zwischen „Asterix erobert Rom“, Shakin' Stevens, Praline und Star Wars in einer Welt in der Hunde fliegen können.

Für die Wohlstands-Jugend heute dagegen selbstverständlich: Ein digitales Nomadentum („Work & Travel“) zwischen Hot-Spot, AirBnB und dem unausgesprochenen Gesetz: „Liebe die Couch deines Nächsten wie deine eigene!“ Und dabei die permanente Frage im ständigen Wiederhall aus Cyberhausen: Bin ich "on" oder bin ich "off", also -line.
Aber, wenn man den Medienberichten von Neon bis Bummsi-Mag trauen darf: Die zentrale Frage des Lebens lautet auch bei den jungen Leuten von Heute: Bin ich verliebt oder nicht?! Ja sapperlot, ob dies nun die richtige Frage ist oder nicht, wer will’s entscheiden, dennoch: Wer hätte das für möglich gehalten!?

Und wo wir schon bei der Liebe sind, da nähern wir uns ja wie von selbst wieder eingangs notiertem Fund auf dem Mainzer Campus! Vielleicht ist er ja bloß einem sogenannten Headhunter auf dem Weg zum Juridicum aus der Hose gefallen, vielleicht hat ihn ein verkrachter Ex-Tempo-Redakteur (educated guess: heute Privatdozent Medienwissenschaften, prekärer Arbeitsvertrag) auf dem Weg zu seinem Vortrag verloren. Wir wissen es nicht, möchten diesem wie jenem und aber auch uns selber ein freundliches „Take it easy, altes Haus“ mit auf den Weg schicken. Und euch auch.

In diesem Sinne. Takes it easy, too. Im alten wie im neuen Haus:

Das Schlachthof Team

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