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Editorial November 2016

Kein Mensch ist illegal

Vor einigen Wochen hat uns ein Brief einer besorgten Bürgerin erreicht, die Anstoß nahm an unserem „Kein Mensch ist illegal“-Banner, das an der Rückwand des Wasserturms alle Menschen begrüßt, die mit der Bahn nach Wiesbaden einreisen. Ob mit- oder ohne offiziellem Dokument.

In diesem Brief wurde der Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden Sven Gerich dazu aufgefordert, dieses Banner zu entfernen.

Allen Menschen, die sich an diesem Banner stoßen, möchten wir hier einige Zeilen widmen:

Viele Menschen sind auf der Flucht. Vor Krieg, Verfolgung, Diskriminierung, unsicheren Verhältnissen, Unterdrückung, Diktaturen, Hungersnöten, Seuchen oder Armut.

Auch wenn Auswanderer in Deutschland als exotische Hippies in Talkshows präsentiert werden, jedes Jahr verlassen 800.000 Menschen das Land. Und das, obwohl es hier keinen Krieg gibt. Dass die Bundesrepublik Deutschland in keine kriegerischen Konflikte auf heimischem Boden verwickelt ist, muss aber kein Dauerzustand bleiben. In der Geschichte Deutschlands ist eine 70-jährige Friedensphase ohne Hungersnot, Seuchen oder Krieg beispiellos.

Beispiellos waren auch die 12 Jahre vor dieser Friedensphase, in der Deutschland die Welt mit Krieg, Zerstörung und Massenmord überzog. Damals hätten sich viele Verfolgte gewünscht, fliehen zu können und dass andere Staaten sie bereitwillig aufgenommen hätten, was aber vielen versagt blieb.

Es fällt sicher nicht schwer sich vorzustellen, dass sich niemand freiwillig in ein völlig überfülltes Schlauchboot begibt und damit versucht, übers Meer zu fahren oder die Strapazen einer teilweise Monate dauernden Flucht auf sich nimmt, wenn es in der Heimat eine auch nur halbwegs tragfähige Lebensperspektive gibt.

Wer kann den Menschen verdenken, dass sie sich den unerträglichen Verhältnissen in ihrem Heimatland entziehen wollen?

Es sind vielleicht die gleichen Menschen, die den Mauerschießbefehl als unmenschlich verurteilten, aber sich nun eine Grenze gegen Kriegsflüchtlinge aus Syrien wünschen, an der möglicherweise auch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden soll, um Deutschland vor der „Überfremdung“ zu retten.

Dass Menschen den Frust über ihre eigene Situation immer an solchen Menschen auslassen, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst, hat sich wahrscheinlich in Jahrtausenden genauso tradiert wie Nationalismus, Rassismus, die Überhöhung des Völkischen und die Verfolgung ethnischer, religiöser oder sexuell anders orientierter Minderheiten. Und das weltweit.

Eine Gesellschaft, die mit offenen Armen auf Fremde zugeht und gleichzeitig die eigenen Werte und Normen selbstbewusst vertritt, bietet einen idealen Boden für ein gemeinsames Miteinander aller Menschen. Hass und Ausgrenzung dagegen sind Gift für die Integration. Auf allen Seiten. Nur wer das verstanden hat, kann Vielfalt als Bereicherung begreifen.

Für alle, die das noch nicht begriffen haben, hängt dort dieses Banner.

Das Schlachthof-Team

 

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