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Editorial April 2019

Liebes Publikum,

heute möchten wir euch an dieser Stelle unsere Veranstaltungsreihe TÜRK MÜZIK! ein wenig näher vorstellen, die mit dem überaus erfolgreichen Konzert von Altin Gün Ende Februar im Kesselhaus begonnen hat. Es ist erstaunlich, welche Reichtümer sich erschließen, wenn wir unsere Annahmen darüber, was türkisch sei, von Klischees und Vorurteilen befreien. Unser Ausgangspunkt ist jene Musik, die heute unter dem Begriff Anadolu Psych bekannt ist: Mitte der 60er Jahre begann eine junge Generation türkischer Musiker*innen westliche Popmusik mit traditionellem anatolischen Folk zu kombinieren und nicht zuletzt dank der gleichzeitig entstehende Psychedelic-Bewegungen mit all ihren kulturellen und politischen Implikationen in etwas Neues, Wilderes, Ungehörtes zu transformieren. Eine höchst kreative Szene bildete sich heraus, und eine Musik, die ebenso revolutionär wie grenzübergreifend und emanzipativ war. Eine vergleichsweise kurze Phase der Freiheit, die mit dem Militärputsch im Jahr 1980 endete, in dessen Verlauf es zu 650.000 Festnahmen kam und mehr als 30.000 Türk*innen ins Ausland flohen, darunter viele Künstler*innen. Mit ihnen kam ihre Musik. Seit einigen Jahren wird dieses Erbe nicht ohne Grund von vielen Künstler*innen mit meist, aber nicht ausschließlich, türkischen Wurzeln aufgegriffen und in unterschiedlicher Weise in das eigene Werk übernommen. 
Im Rahmen von TÜRK MÜZIK! präsentieren wir verschiedene Konzerte mit ganz unterschiedlichen Musikgruppen - und mit Songs Of Gastarbeiter am 07.04. einen musikalisch/literarischen Vortrag, der sich auf der Grundlage der 2003 bei Trikont erschienen Musik-Zusammenstellung „Songs Of Gastarbeiter Volume 1“ dem musikalischen Wirken der ersten und zweiten Generation türkischer Einwander*innen in Deutschland widmet; ihren Biografien, ihren Stilen und Inhalten, die unterschiedlicher sind, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Lieder über Trennungsschmerz, Verlust und Heimweh stehen neben Stücken, die sich mit Almanya als neuer „bitteren“ Heimat befassen und solchen, die die Arbeitsbedingungen im Betrieb reflektieren: Stücke, die traurig oder kämpferisch, ironisch oder hellsichtig sind und nebenbei ein Schlaglicht nicht nur auf die türkischen, sondern auch die bundesrepublikanischen Verhältnisse ihrer Zeit werfen und die bis heute fortwirken. 
Die Reihe setzt sich fort mit einem Konzert des Kolektif Istanbul am 02.05., das die traditionellen Melodien Anatoliens mit Funk, Jazz und bretonischem Folk anreichert, dass es eine Pracht ist, geht weiter mit dem Gastspiel einer der faszinierendsten jungen türkischen Musiker*innen der Jetztzeit: Gaye Su Akyol am 24.05., die sich mit ihrer Musik und ihrem Wirken der seit einigen Jahren erneut sich verschärfenden Repressionen und antidemokratischen Tendenzen in der Türkei entgegenstemmt und endet mit Anadolu Folk / Psychedelic Rock von Derya Yildirim & Grup Şimşek am 26.06.

Wir empfehlen logischerweise den Besuch gleich all dieser Veranstaltungen. Und natürlich vieler anderer. Dazu mehr auf diesen Seiten. An dieser Stelle möchten wir nur noch kurz der Hinweis auf die Open-Air-Flohmarkt-Saison anschließen, die Schlag April in, an und um unser Haus herum wieder auflebt.

Schönes Frühlingserwachen allerseits wünscht:

Das Schlachthof Team

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