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Editorial Februar 2019

“A map of the world that does not include Utopia is not worth even glancing at, for it leaves out the one country at which Humanity is always landing. And when Humanity lands there, it looks out, and, seeing a better country, sets sail. Progress is the realisation of Utopias.”

Diese bemerkenswerten Sätze schrieb Oscar Wilde 1891 in dem Essay „The Soul of Man under Socialism“ – wir fürchten, sie haben seitdem nicht an Gültigkeit verloren, im Gegenteil. Und dies hat nicht einmal etwas damit zu tun, wie man der Idee eines „utopischen Sozialismus“ wie ihn Wilde vertrat, gegenübersteht. Sicher ist, dass in Zeiten, in denen das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) nicht den Anfang einer neuen Gesellschaftsordnung markiert, jedenfalls keiner, in der es sich menschlich leben ließe, in Zeiten, in denen sich das Ende der Welt eher denken lässt, als das Ende des Kapitalismus, Utopien wichtiger sind denn je. 

Dass wir uns recht verstehen: Den allerorten sich verstärkenden reaktionären Tendenzen, dem Zerfall ganzer Staaten und Umweltzerstörungen ungekannten Ausmaßes, stehen nicht wenige Fortschritte gegenüber, die Welt ist nicht nur ein schlechterer Ort geworden. Dennoch scheint uns, dass das Utopische dem gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, wissenschaftlichen Diskurs weitgehend abhandengekommen ist – jedenfalls im Sinne eines Bewusstseins über die Falschheit der Welt, wie sie verfasst ist; eines Bewusstseins, dass eben jene Falschheit transzendieren würde in die Idee einer Welt, in der wir leben wollten, einer, in der sich die Einzelnen nicht als bloße Agenten des Warentausches gegenüberstünden, in der, nach Rosa Luxemburg, die Freiheit des Anderen nicht die Grenze, sondern die Bedingung der eigenen Freiheit wäre. Diese Welt muss verteidigt werden, wo sie sich in Ansätzen bereits zeigt, erkämpft dort, wo sie ihrer Verwirklichung harrt. Sie muss jeden Tag aufs Neue erdacht und erstritten werden. 

Die Utopie ist der Nicht-Ort, die ungeschriebene Zukunft; somit jede Zukunft, die erdacht werden kann. Sie erinnert uns daran, dass die Verhältnisse, in denen wir leben, gemacht und somit veränderbar sind. Zum besseren oder zum schlechteren. Der Kampf um die Zukunft beginnt jeden Tag aufs Neue. Und auch, wenn wir nicht besonders zuversichtlich sind, so können wir vielleicht in Anlehnung an den Autoren und Dramatiker Mihail Sebastian sagen, wir sind „voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“. Sebastian, der einer rumänisch-jüdischen Familie entstammte, beschrieb in seinen unter jenem emblematischen Satz publizierten Tagebüchern aus den Jahren 1935 – 44 den Aufstieg des Faschismus in Rumänien, den sich zu Pogromen und Deportationen steigernden Antisemitismus und die Brutalisierung der Verhältnisse. Seine Hoffnung war in zumindest einem Sinn berechtigt. Er überlebte den Krieg – um nur wenig später auf dem Weg zur Antrittsvorlesung zu seiner Literaturprofessur an der Bukarester Universität bei einem Autounfall tödlich zu verunglücken. 

Wenn wir uns anmaßen dürfen, das als Allegorie aufzufassen, so lässt sich vielleicht folgendes sagen: So trügerisch, so brüchig die Hoffnung auch ist – ohne sie lässt es sich nicht leben. Es gilt, sie jeden Tag aufs Neue zu schöpfen, sie produktiv zu machen und gegen das schlechte Seiende zu wenden. Um es noch einmal mit Wilde zu sagen: Fortschritt ist die Realisierung der Utopie. Sie ist Prozess wie Handlungsanleitung.

Euer Schlachthof-Team

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