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Editorial März 2019

“I never wanted to be, never thought I could be, I'll never never be a quiet woman” (War On Women)

Während der subkulturelle Punk-Kontext als perfekte Brutstätte für Musikerinnen wie die Pussy Riots, The Slits oder War On Women erscheint, um dem alltäglichen und institutionellen Sexismus den Mittelfinger zu zeigen und die Wut überpatriarchatsgeprägte Missstände rauszugröhlen, macht eine neue Form des Feminismus, oft als Netz-Feminismus deklariert, von sich reden. Salwa Houmsi, Journalistin und DJ, schafft im Netz erfolgreich Aufmerksamkeit für feministische Inhalte. Beim Neo Magazin Royale singt Giulia Becker vor 380.000 Zuschauern über Sexismus, im Hintergrund blinkt neonfarben eine Scheide. Der Slogan The Future Is Female prangert auf T-Shirts und Jutebeuteln der großen Modeketten. Feminismus ist en vogue und hat sich den Weg in die Popkultur gebahnt. 
Der Weltfrauentag am 8. März, offiziell nun Feiertag in Berlin, jährt sich und wir fragen uns: Wie steht es aktuell um das Geschlechtergleichgewicht in der sich innovativ und vielfältig gebenden Musikbranche? Sind die aktuellen Tendenzen des ‚neuen Feminismus‘ eine Werbe-Erfindung, die sich gleich nach sex sells einreiht und auf dessen Zug Journalist*innen und Modeblogger*innen zur Erweiterung ihrer Netz-Community aufspringen? Was bewegt der Trend zum Feminismus tatsächlich?  

Einen Überblick verschaffen uns Zahlen, welche die britische PRS Foundation offenlegt: Weltweit beträgt der Anteil der in der Musikindustrie beschäftigte Frauen 30%, wobei der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen bei 21% liegt. Drei Viertel der Acts, die 2018 auf US-amerikanischen Festivals spielten, bestanden aus männlichen Artists. Für Deutschland gibt der Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. einen Einblick in die Geschlechterverteilung auf Führungsebene: 7,4% der 1300 Mitgliedsunternehmen werden von Frauen geführt, 5,5% haben gemischte Teams an der Spitze. 
Wenn wir zu uns in den Schlachthof blicken, wir uns die Bands in Erinnerung rufen, die seit Jahren bei uns ein- und ausgehen, wir mit unserem girlpower Kaffeebecherin Meetings sitzen, wird uns bewusst, dass auch wir auf der Landkarte der von weißen Männern dominierten Musikindustrie keine große Ausnahme bilden. Wie kann das sein fragen wir uns stirnrunzelnd. In unserem Selbstverständnis begreifen wir uns als Ort der gelebten Vielfalt und trotzdem bilden sich bei diesem Anblick widersprüchliche Strukturen ab. Keinesfalls wollen wir uns der Simplifizierung einer Schuldzusprechung einzelner Positionen hinleiten lassen. Fakt ist aber: auch unsere Strukturen, intern, wie extern beeinflusste, sind männlich. Und über Jahre gefestigte Strukturen sind nur schwer zu durchbrechen. 
Was also tun? Es würde von Banalität zeugen, wenn wir uns auf einer bloßen Marginalisierung ausruhen würden, d.h. Frauen in der Musik als Ausnahmeerscheinung darzustellen, könnten wir hier doch Seiten füllen mit weiblichen Artists, Festivalveranstalterinnen, Label-Managerinnen. Vielmehr sollte es darum gehen, den vielen Akteurinnen eine Stimme zu geben, sich von einer defizitorientierten, hin zu einer stärkenorientierten Wahrnehmung zu bewegen. Mit positivem Beispiel geht das Reeperbahn Festival voran, das sich neben vielen europäischen Festivals wie dem Iceland Airwaves, The Great Escape oder dem Pop-Kultur Festival Berlin dem Keychange Project angeschlossen hat, um sich gegen die Unterrepräsentation von Frauen in der Musikbranche einzusetzen. Auf ihrer Agenda? Musikerinnen und Musikwirtschaftenden in ihrem Selbstbewusstsein für die eigene Stärke zu fördern, Vernetzungsmöglichkeiten zu schaffen und bis 2022 ihre Line-Ups zugunsten von Frauen anzupassen. Initiativen wie diese zeigen, dass wir das Klagen über einen männerdominierten Bereich zurücklassen sollten. Es geht darum, die Sichtbarkeit von weiblichen Role Models zu stärken, inspirierende Vorbilder, sowohl auf als auch hinter der Bühne, zu schaffen und so eine größere Teilhabe von Frauen in der Musikindustrie zu bewirken. 

Feminismus in der Popkultur, was steckt dahinter, war eine der Eingangsfragen. Sicherlich reicht es nicht aus, Giulia Becker auf Instagram zu folgen. Dennoch erscheint uns Popkultur als geeignet, um eine große Menge an Menschen zu erreichen. Und wer wären wir zu widersprechen, wenn es darum geht, die Sprache der Popkultur zu nutzen, um sich für Gleichberechtigung, egal welcher Hautfarbe, Religion oder Geschlechtszugehörigkeit einzusetzen? Ohne Frage ein steiniger Weg hin zu einem Wandel, doch wir sind nicht ohne Hoffnung. Um es mit Worten einer weiblichen Stimme abzuschließen, die wir im Rahmen des W-Festivals bald willkommen heißen: Ich packe meinen Koffer und ich packe ein, ein Ideal, ein' großen Traum, ich packe meinen Koffer und ich packe ein, ein' Beutel Hoffnung, Lebensraum.“ (Grossstadtgeflüster)

Doch genug der Worte, her mit der Musik!

Euer Schlachthof-Team

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